Chausseestrasse -

Wandel einer Straße in Berlin - ein Auszug

Einleitung

Berlin, Stadttor, Oranienburger Tor, Chausseestraße
Oranienburger Tor um 1800 © Public Domain / Wikimedia Commons

Die Chausseestraße stellt die nördliche Verlängerung der Friedrichstraße aus dem Bezirk Mitte dar. Dabei verläuft sie sowohl im Bezirk Mitte als auch im Bezirk Wedding, was zu ihrer Teilung nach 1961 führte. Stadtentwicklungsgeschichtlich gesehen, ist die Chaussee­straße ein Teil der "Friedrich-Wilhelm-Stadt" bzw. der "Oranienburger Vorstadt", d.h. sie lag außerhalb der Stadtmauer, vor dem heute nicht mehr exis­tierenden Oranienburger Tor.

Die Geschichte einer Straße rekonstruieren zu wollen ist in der Regel ein schwieriges Unter­fangen. Nicht immer gibt es Quellen und Daten zur Straße direkt. Häufig sind lediglich Informationen zur Umgebung der Straße zu finden – so auch bei der Chausseestraße. Bis auf eine Epoche in der Berliner Geschichte führte sie ein eher un­schein­bares Dasein, wenn sie auch – auf den zweiten Blick - einige Überraschungen bietet. Daher soll im Folgenden auch ein Blick "rechts und links" der Straße erlaubt sein. Das zu betrachtende Gebiet soll im Norden von der Boyenstraße nach Westen und von der Liesenstraße nach Osten hin begrenzt sein. Im Osten soll es bis zur Gartenstraße, im Westen bis zum Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal reichen. Im Süden soll die Grenze von West nach Ost in der Invalidenstraße über die Hessische Straße zur Torstraße verlaufen.

Die Anfänge der Chausseestraße in Berlin

Die Anfänge der Chausseestraße liegen im 15. Jh. Bis zur Mitte des 18. Jh. wurde sie als Ruppiner Heerweg bezeichnet, der nach Ruppin und nach Oranienburg führte. Vom Oranienburger Tor nach Norden führend war sie damit die älteste Straße in der Oranienburger Vorstadt. Um 1750 erhielt sie den Namen "Ruppiner Straße" im Bereich des heutigen Bezirks Mitte und "Oranienburger Landstraße" im Bereich des heutigen Bezirks Wedding. Die erstmalige Erwähnung "Chausseestraße" wird sowohl für das Jahr um 1800 (vgl. Nitschke / u.a. 1992) wie für das Jahr um 1824 (vgl. Mende 1995) angegeben, als es zum Ausbau der beiden Straßen als Kunststraße kam. Damit wurde die Chausseestraße eine wichtige Ver­kehrs­ver­bindung zwischen Berlin und Tegel (vgl. Mende 1995, S.102f).

Noch um 1640 wurde die Gegend um die Chausseestraße als waldbedeckte Hasenheide geschildert. Doch dies sollte sich bald ändern. 1705 begann Friedrich I. das Stadtgebiet mit einem Palisadenzaun für die Stadtbefestigung und zur Steuereintreibung (Accisemauer) zu umgeben (vgl. Engel 1998, S.403). Diese Anlage entlang der heutigen Linienstraße sowie umfangreiche Neubautätigkeit im Rahmen der planmäßigen Stadterweiterungen (Bau der Dorotheenstadt, der Friedrichstadt, der Spandauer und der Stralauer Vorstadt) führte zur völligen Abholzung der Hasenheide ohne planmäßige Wiederaufforstungsmaßnahmen. Das Resultat war, daß das Gebiet nördlich der Palisade um 1730 "eine große Fläche des unfruchtbarsten Treibsandes dar(bot), der von heftigen Stürmen, bald hier und da zu kleinen Sandhügeln zusammengeweht wurde, so daß es hier wandernde Berge gab. Nur einige wenige Hütten mochten zerstreut in der Sandwüste liegen" (zit. nach Geist / Küvers 1980, S.30).

Von Beginn an war die Gegend um die Chausseestraße mit einem wenig guten Ruf versehen. Dies resultierte daraus, daß hierher – vor die Grenzen der Stadt - jene Einrichtungen verlegt wurden, die in der Stadt nicht geduldet wurden, Einrichtungen, die mit Krankheit und Tod zu tun hatten. Da war zum einen das 1710, als die Pest auf die Mark Brandenburg überzugreifen begann, in der Nähe der Panke errichtete Pesthaus, aus welchen 1726 die Charité hervorging. Mit dem Baubeginn der Spandauer Vorstadt im Jahre 1716 wurde noch der Galgen von seinem alten Standort an der Ecke Oranienburger Straße / Kraus­nickstraße nach Norden, jenseits der projektierten Stadtmauer, vor das Hamburger Tor, an die Invaliden­straße verlegt. Neben dem Galgen mit dem Hochgericht befand sich die "Scharfrichterey" (zit. nach Engel 1998, S.403) mit einer Abdeckerei. Während der Galgen im Zuge der Stadter­wei­ter­ungs­maßnahmen immer weiter nach Norden wanderte, blieb die Scharfrichterei mit der Abdeckerei bestehen, bis sie 1842 dem Bau des Stettiner Bahnhofes (heute: Nordbahnhof) weichen mußte.

Im Bewusstsein der alteingesessenen Stadtbewohner blieben so die neu besiedelten Stadtteile bzw. die Grundstücke auf denen der Galgen gestanden hatte, noch lange mit unheimlichen Erinnerungen verbunden: "die neuen Stadtgebiete im Norden sind so von vorneherein negativ besetzt" (Geist Küvers 1980, S.48).

Zur Kultivierung der Sandwüste, die mittlerweile zu einer Bedrohung der Stadt geworden war, zur Erweiterung der Charité und zur Versorgung der Invaliden des Zweiten Schlesischen Krieges (1744-45) wurde in den Jahren 1746-48 das Invalidenhaus errichtet. Als Standort für das Invalidenhaus wählte Friedrich II. das Gelände östlich des Schönhauser Grabens, welchen Friedrich I. zum verbesserten Abfluß der Wassermassen der Panke zur Spree hin hatte ausheben lassen (heute: Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal). Die Wahl fiel auf diesen Standort, da hier der Abtransport von Baumaterialien auf dem Wasserwege am leichtesten zu bewerkstelligen war und weil es hier möglich war, dem Invalidenhaus ein ausgedehntes Terrain als Grundeigentum zur landwirtschaftlichen Nutzung zu überweisen: "Über die «Sandscholle» verfügte der König als souveräner Herr" (Geist / Küvers 1980, S.34).

Doch das Invalidenhaus hatte Schwierigkeiten bei der Bewirtschaftung seiner Sandfelder beiderseits der späteren Chaussee­straße, insbesondere durch die wirtschaftliche Stagnation in Preußen nach dem dritten Schlesischen Krieg (1756-63). Daher wurden die Felder auf Instruktion des Kriegsministeriums 1769 für neun Jahre an den Generalpächter Eli Jouin übergeben. Darüber hinaus versuchte man ab 1770 auch Gärtner auf Erbpacht auf dem Gelände des Invaliden­hauses anzusiedeln, die Obstkulturen anlegen und als Spezialisten die Sandwüste bekämpfen sollten. Rund 20 Jahre später zählte man 31 Erbpächter auf dem Gelände, welchem dem In­validenhause jährlich 700 Thaler einbrachten (vgl. Geist / Küvers 1980, S.45ff). Damit war der Raum vor dem Oranienburger und Hamburger Tor immer noch relativ dünn besiedelt. Doch dies sollte sich nun rasch ändern, wuchs doch die Stadt im 19. Jh. massiv nach Norden. Möglich wurde dies auch deshalb, weil hier Weiden bzw. Felder fehlten und das Land in königlichem Besitz war. Im Osten und Süden der Stadt verhinderten dagegen langwierige Seperationsprozesse, d.h. die Überführung des Gemeindeeigentums an landwirtschaftlich genutzten Flächen in Privat­eigentum noch bis in die Mitte des 19. Jh. die Stadtentwicklung (vgl. Geist / Küvers 1980, S.47).

Wie bereits erwähnt kamen Einrichtungen an die Chausseestraße, die mit Krankheit und Tod verbunden waren. So blieb es nicht aus, daß hier auch Friedhöfe angelegt wurden. An der Ecke Chausseestraße / Hannoversche Straße befand sich – unmittelbar vor der Stadtmauer – mit dem ersten St. Hedwigs-Friedhof auch zugleich die älteste Begräbnisstätte der katholischen Gemeinde in Berlin (1777 angelegt). Mit diesem Friedhof ist ein Kuriosum verbunden. Als er 1902 geräumt werden sollte, verweigerten die Nachkommen einer 1805 gestorbenen Berlinerin die Einebnung des Grabes. Nach langen Verhandlungen entschied man sich das Haus um das Grab herumzubauen, ohne dieses zu verändern. "So kam es, daß sich das Grab nach Fertigstellung der Häuser in einem Bücher- und Musikalienladen (Chaussee­straße 128) befand und somit eine touristische Attraktion wurde" (Kuhl o.J., S.9). Auf dem Gelände des ehemalige Friedhofs errichtete jüngst die Katholische Akademie ein Kongreß­gebäude (Chausseestraße 128-29), was im Herbst 1997 die Bergung von rund 700 Skeletten notwendig machte (vgl. Bz, 23.10.1997).

Während dieser Friedhof damit endgültig aus dem Stadtbild verschwunden ist, sind in der Chausseestraße heute noch zwei Friedhöfe zu finden. Einmal der 1780 an der als "tiefsandigen Weg" beschriebenen Chausseestraße Nr. 127 angelegte Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde, sprich der Französische Friedhof (vgl. Kuhl o.J., S.1f) und zum anderen der in der zweiten Hälfte des 18. Jh. angelegte Doro­theenstädtische Friedhof. Mehrfach in den Jahren 1814-26 vergrößert (vgl. Herrmann 1987, S.213) hat sich der Friedhof bereits im 19. Jh. zu einem "Prominentenfriedhof" entwickelt. Seine Beliebtheit führte dazu, daß in den 60er Jahren des 19. Jh. der Friedhof wegen Überfüllung geschlossen werden mußte. Die Vielzahl der dort begrabenen berühmten Philosophen, Künstler, Industriellen usw. kann an dieser Stelle gar nicht aufgezählt werden. Hier sollen nur Namen wie der Architekt und Baumeister Karl Friedrich Schinkel, die Bildhauer Gottfried Schadow und Christian Daniel Rauch oder die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Georg Friedrich Hegel genannt werden. Seit DDR-Zeiten hatte – neben der Gemeinde – die Akademie der Künste das Recht, hier Bestattungen vorzunehmen (vgl. Bz, 3.2.1998). Seit der Beerdigung von Bertold Brecht entwickelte sich dann der Dorotheenstädtische Friedhof zu einem regelrechten Künstlerfriedhof. Die letzten in einer langen Reihe der hier Bestatteten waren der Dramatiker Heiner Müller und der Schauspieler Bernard Minetti.

Von der Königlichen Eisengießerei zu "Feuerland"

Den Anstoß für eine rasche Entwicklung der Gegend um die Chausseestraße brachte die Ansiedlung der Königlichen Eisengießerei in der Invalidenstraße. Der preußische Staat kaufte 1803 das hier seit 1605 existierende Voigtsche Schleifmühlenwerk (heute etwa zwischen Geologischen Institut und Natur­kunde­museum), um eine Filiale der kgl. Eisenhüttenwerke in Schlesien zu errichten. Dies war Teil eines Planes des Geheimen Finanzrates Graf Reden, mit welchem er Preußen auf wirtschaftlichem Gebiet einen höheren Stellenwert in Europa verschaffen wollte. Mit der Produktion wurde 1805 begonnen (vgl. Peters 1995, S.103), was man als die Geburtsstunde der eisenverarbeitenden Industrie in Berlin, wenn nicht sogar in Deutschland bezeichnen kann.

Doch ehe es zum Aufbau dieses neuen Wirtschaftszweiges kommen konnte, mußte das Pachtgelände des Invalidenhauses parzelliert und verkauft werden. Hierzu kam es 1823 auf Order des Kriegsministeriums mit der Kündigung des Generalpächters Grützemacher. Notwendig wurde dies, da pachtwidriger Ausschank im Invalidenhaus an Fremde, insbesondere an Handwerksburschen und Tage­löhner, zu einer Vielzahl von Schlägereien geführte hatte, was häufig Militäreinsatz zur Folge hatte (vgl. Geist / Küvers 1980, S.111). Auf diesen Parzellen entlang der Chausseestraße wurden seit den 20er Jahren die Werke der Maschinenindustrie gegründet. Den Anfang machte im Jahre 1825 (vgl. Geist / Küvers 1980, S.113) bzw. 1828 (vgl. Peters 1995, S.103) Franz Anton Egells (1788-1854) mit der Verlegung seiner Maschinenbauanstalt aus der Mühlenstraße 59/60 nahe dem Stralauer Tor in die Chausseestraße 3, da die in der Nähe ansässige Eisengießerei noch die einzige in Berlin war. 1826 gründete Egells schließlich noch auf einem Nachbar­grundstück (Nr. 4) mit der Hilfe des Kalkbrennereibesitzers Woderb und des Kaufmanns F.W. Schultz die erste private Eisengießerei, die "Neue Berliner Eisengießerei" (vgl. Geist / Küvers 1980, S.113).

Den nächsten Entwicklungsschub bekam die Straße mit der Entwicklung einer neuen Verkehrs­technologie: der Eisenbahn. Anfang der 30er Jahre des 19. Jh. liefen in den deutschen Ländern die Plan­ungen zur Errichtung eines deutschen Eisen­bahn­systems, nach­dem 1829 bei Rainhill in Groß­britannien eine Wettfahrt zwischen ver­schiedenen Loko­motivtypen die Tauglichkeit dieser neuen Technik gezeigt hatte. Ein Jahr nachdem 1835 die erste deutsche Eisenbahnlinie von Nürnberg nach Fürth eröffnet worden war, bereitete der seit 1825 bei Egells als Praktikant angestellte August Borsig (1804-1854) mit Grund­stückskäufen (Chausseestraße1-2; Torstraße 46-53) südlich und östlich an das Egellsche Werkgelände angrenzend die Gründung einer eigenen Maschinen­bauanstalt vor. 1837 begann er in eigener Regie mit der Produktion von Schrauben für das Komitee der Eisenbahnanlagen zwischen Berlin und Potsdam. Zeitgleich entstand auf seinem Gelände eine Eisengießerei (vgl. Geist / Küvers 1980, S.119).

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Eisengießerei und Maschinenbau-Anstalt von A. Borsig 1847 © Public Domain /Wikimedia Commons

Die Herstellung der ersten Dampf­maschine in seiner Ma­schinen­bauanstalt sowie die Fertigstellung der ersten Teilstrecke der Berlin-Potsdamer Eisenbahn zwischen Potsdam und Zehlendorf führten für Borsig über Reparaturaufträge zur Herstellung von Loko­motiven. Nachdem die erste Borsig-Lokomotive ("Borsig") in einer Wettfahrt auf der Strecke Berlin-Jüterborg gegen eine der bis dahin den Markt führenden Stephenson-Lokomotive siegte, folgten Aufträge von allen deutschen Eisen­bahn­gesell­schaften. Borsig wurde so zum deutschen "Lokomotivkönig" und seine sich durch eine besondere Architektur auszeichnende Fabrik zum Symbol für das Maschinenbauviertel an der Chausseestraße, überliefert durch eine Vielzahl von Abbildungen (vgl. Geist / Küvers 1980, S.121).

Mit der Errichtung der Eisenbahnlinie Berlin-Stettin kam es 1842 zum Bau des Stettiner Bahnhofs nördlich der Invalidenstraße. Dieser Bahnhofsbau hatte einschneidende Folgen für die weitere Entwicklung der Oranienburger Vorstadt, denn er störte und stornierte alle Ver­suche einer systematischen Stadterweiterung (vgl. Geist / Küvers 1980, S.170ff). Tatsächlich wurde die Oranienburger Vorstadt mit der Chausseestraße im Mittelpunkt z.B. aus dem Ho­brecht-Plan von 1863 ausgeklammert. Der Bahnhof war aber mitentscheidend (Gleisver­bin­dungen für die Fabriken!) für die Weiterentwicklung der Chausseestraße zu einem Maschinen­bau­viertel mit den Schwer­punkten Maschinen-, Lokomotiv- und Waggonbau, was ins­besondere in den 40er Jahren des 19. Jh. einsetzte. Jetzt kam es zu einer Reihe von Fabrik­neu­grün­dungen, in welchen im Jahre 1847 bereits 6.000 Arbeiter beschäftigt waren. Eine zweite Welle von Firmengründungen erfolgte ab 1851. Mitte des Jahrhunderts hatten damit 28 % der Berliner Maschinenbauanstalten ihren Sitz an der Chausseestraße (vgl. Peters 1998, S.104).

Die Chausseestraße beherbergte eine Fabrikkonzentration von – für damalige Verhältnisse – ungewöhnlichem Ausmaß, was der Gegend den Namen "Feuerland" einbrachte (vgl. Kuhl o.J., S.4). Wie beeindruckend dies für die damalige Bevölkerung, aber auch für Berlin­be­sucher war, zeigt sich daran, daß es eine Vielzahl von literarischen Be­schreibungen des "Feuerlandes" gibt, bis hin zu Theodor Fontanes Roman "Stine", der das Leben entlang der Chausseestraße zur damaligen Zeit schildert.

Im nun folgenden eine Be­schreibung der Straße aus dem Jahre 1889: "Am Oranienburger Thor, wo früher der Zoll eingenommen wurde von den mit Lebensmitteln nach Berlin kommenden Bauen dehnten sich – fast ein apartes Stadtviertel – die Borsigschen Fabrik-Anlagen aus, in welche allein tausende Arbeiter beschäftigt werden. Und je weiter wir mit der Pferdebahn fahren, desto größer wird unser Erstaunen. Unermeßlich lang fast zieht sich die Chaus­see­straße mit der sich anschließenden Müllerstraße hin, von zahlreichen Nebenstraßen durch­kreuzt. Hohe vier- und fünfstöckige Häuser sind es, welche die Fahrdämme einsäumen, mit kleinen Höfen und gewaltigen Hintergebäuden. Dazwischen stehen große und kleine Fabriken, aus deren Schorn­steinen in dicken Säulen der Qualm zum Himmel aufsteigt und sich in breiten Wolken lagert. Fast beängstigend wirkt diese Athmospähre der unermüdlichen, angestrengten Arbeit und beängstigend kränklich sehen oft die Menschen aus, welche hier, dicht zu­sam­mengedrängt, wohnen. Wieviel Elend und Kummer, wieviel Leiden und Sorgen mögen sich hinter diesen schmucklosen, weißgetünchten Wänden verbergen, wieviel heiße Gebete um Hilfe aus der Noth ertönen! Wenn einmal das socialistische Gespenst Fleisch und Blut annimmt, dann wird es von dieser Berliner Gegend her viel Nahrung bekommen" (Lindenberg o.J. zit. nach Geist / Küvers 1984, S.360). Damit sollte Paul Lindenberg recht behalten, wie noch zu zeigen ist.

Eine andere Beschreibung der Chausseestraße lieferte Heinrich Seidel in seinem Buch "Leberecht Hühnchen" aus dem Jahre (1882): "Vom Oranienburger Tore aus reihte sich an ihrer rechten Seite eine große Maschinenfabrik an die andere in fast ununterbrochener Reihenfolge. Den Reigen eröffnete die weltberühmte Lokomotivfabrik von Borsig mit den von Strack erbauten schönen Säulengängen, dann folgten Egells, Pflug, Schwartzkopff, Wöhlert und viele andere von geringerem Umfang. In den Straßenlärm hinein tönte überall schallendes Geräusch, und das dumpfe Pochen mächtiger Dampfhämmer erschütterte weithin den Boden, daß in den Wohnhäusern gegenüber die Fußböden zitterten, die Gläser klirrten und die Lampenkugeln klapperten. Zu gewissen Stunden war die Straße ein Flußbett mächtiger Ströme von schwärzlichen Arbeitern, die aus all den Fabriktoren in sie einmündeten..." (zit. nach Lange 1980, S.118).

Der Niedergang des Maschinenbauviertels begann in den 70er Jahren des 19. Jh. als die Produktions­stätten zu klein geworden waren und die Industrie an die Stadtränder zu wandern begann. So wurde z.B. das Borsiggelände 1878 mit hohem Gewinn an die Magde­burger Bau- und Creditbank verkauft und mit Miets­kasernen bebaut (zwischen Elsässer-, Tieck- und Borsigstraße; vgl. Peters 1995, S.126). Nur das im Jahre 1899 von den Architekten Reimer und Körte erbaute Verwaltungsgebäude der Firma Borsig AG, das sog. Borsighaus, in der Chausseestraße 13 blieb bis heute erhalten.

In dem Maße wie sich die Pro­duktionsstätten von der Chausseestraße weg verlagerten, entstanden immer mehr vier­geschossige Mietshäuser. Auch hier fand – wie in den Bereichen des Hobrecht-Planes – eine Bodenspekulation statt: Graf Henry von Pourtales kaufte in der Chausseestraße gezielt Grundstücke auf, ließ sie auf eigene Kosten verbinden, parzellierte sie und verkaufte die Parzellen mit hohem Gewinn an Bauunternehmer weiter. Ende der 90er Jahre des 19. Jh. finden sich kaum noch Maschinenbauanstalten in der Chausseestraße, die aber weiterhin ein Produktionsstandort bleibt.

Neben der eisenverarbeitenden Industrie gab es noch weitere Industrie­zweige, die ihren Ausgang in der Chausseestraße nahmen. So erwarb Emil Rathenau (1838-1915) im Jahre 1865 (vgl. Kuhl o.J., S.6) bzw. 1867 (vgl. Peters 1995, S.106) die in der Chaussee­straße 99 ansässige Maschinenbauanstalt von M. Weber. Im Jahre 1883 gründeten er schließlich zusammen mit Werner von Siemens die Deutsche Edison-Gesellschaft in der Chausseestraße 113, die vier Jahre später in die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) umbenannt wurde (vgl. Demps 1987, S.448).

Ferner entwickelte sich aus einer Apotheke in der Chausseestraße das chemisch-pharmazeutische Unternehmen von Schering (vgl. Peters 1995, S.106). Der Apotheker Ernst Schering (1824-1889) erwarb 1851 in der Chausseestraße 17 die Schmeissersche Apotheke, nannte sie in "Grüne Apotheke" um und begann mit der Herstellung von Chemikalien. Das Apotheken­laoboratorium wurde 1855 in eine Fabrik für chemisch-pharma­zeutische Präparate erweitert. Mit der Ausweitung der Produktion wurde es notwendig, diese in den 60er Jahren schrittweise auf das 1857 erworbene Grundstück Müllerstraße 171 zu verlagern, wo die Schering AG auch heute noch ihren Sitz hat (vgl. Schering 1994). Dennoch er­richteten die Architekten Schulz und Schlichting noch im Jahre 1892 ein Fabrik­gebäude in der Chaussee­straße 24a für Schering (vgl. Kuhl o.J., S.7).

Arbeiterviertel Oranienburger Vorstadt bzw.

Äußere Friedrich-Wilhelm-Stadt

Mit dem Anwachsen der Fabrikanlagen ent­lang der Chausseestraße be­gann sich seit den 40er Jahren des 19. Jh. auch die Oranien­bur­ger und die Rosenthaler Vor­stadt als Arbeiter­vororte zu ent­wickeln (vgl. Schinz 1964, S.160). Die Basis für ein pro­letarisches Wohn­gebiet wur­de jedoch schon wesent­lich früher, im 18. Jh. gelegt. Dies steht im Zusammen­hang mit den Befestigungs­ver­su­ch­en der Sandwüste vor der Stadtmauer. Direkt östlich anschließend an das Gelände des Invaliden­hauses zwi­schen Hamburger und Rosen­thaler Tor (entlang der Gartenstraße im Bereich der heutigen Brunnen-, Acker- und Bergstraße) entstanden ab 1752 in einem Jahr 60 Häuser für vogtländische Bau­arbeiter­familien.

Dieses Ansiedlungsprojekt galt als der erste staatliche Wohnungsbau größeren Stils (vgl. Pfannstiel 1987, S.6). Auf Befehl Friedrichs II. wurde den Ansiedlern Land und Haus als Eigentum überschrieben und sie wurden vom Militärdienst befreit. 1755 lebten bereits 120 Familien in der Kolonie "Neu-Voigtland", die bald in "Voigt­land" umbenannt wurde. Bei dieser Namensgebung bezog man die Gärtnerhäuser auf dem ehemaligen Gelände des Invalidenhauses mit ein. Dieses Projekt zur Ansiedlung von bislang nach beendigter Arbeit wieder in ihre Heimat abwandernden Handwerkern diente zur Siche­rung der merkantilen Wirtschaft. Neben der steten Präsenz von ausgebildeten Arbeits­kräften wurde so sichergestellt, daß diese ihren kärglichen Lohn auch in Berlin ausgaben und damit die ein­heimische Wirtschaft förderten (vgl. Geist / Küvers 1980, S.44).

Seit seiner Ent­stehung war das Voigtland, das um 1800 in "Rosenthaler Vorstadt" umbenannt wurde, nach Skoda 1980 durch eine ständige Verarmung seiner Bewohnerschaft gekennzeichnet. Die soziale Ver­ände­rung der Siedlung ging mit einer baulichen Ver­dichtung einher: die freistehenden einge­schossigen Kolonistenhäuser wandelten sich zu mehrgeschossigen Reihenhäusern, um so durch Vermietung des angestiegenen Wohnraumes die Existenz seiner Besitzer zu sichern. Die zunehmend schlechter werdende Bausubstanz ließ die Mieten sinken, was unweigerlich die Stadtarmen anzog – zumal es genügend Gelegenheitsarbeiten in den Pachtländereien und Gärtnereien entlang der Chausseestraße gab.

Die Konzentration der Stadtarmen und ver­schiedene andere Gründe, die aus der Umgebung der Chausseestraße resultierten und die teilweise schon angesprochen wurden, führte dazu, daß sich bis zum Ende des 18. Jh. ein sehr negatives Image der Rosenthaler Vorstadt bzw. des Voigtlandes unter den Vorstädten von Berlin entwickelte. Tatsächlich erhielt sich der Name Voigtland im Volksmund und in der Literatur als Synonym für das Armenviertel Berlins (vgl. Geist / Küvers 1980, S.61). 1803 lebten hier 3.854 Personen (vgl. Bratring 1805, Bd.2, S.159), es war das Berliner Proletariat, welches sich zu der damaligen Zeit aus Tagelöhnern, Manu­fak­tur­arbeitern und verarmten Handwerken zusammensetzte (vgl. Geist / Küvers 1980, S.72).

Der Anstieg des Proletariats im Voigtland resultierte aus verschiedenen Faktoren zu Beginn des 19. Jh.: sinkende Löhne und Arbeitslosigkeit für die vor allem im Voigtland ansässigen Weber infolge französischer Konkurrenz in der be­ginnenden Textil­industrie sowie durch die Verlagerung der Berliner Textilproduktion aufs Land, Abwanderung der eigentumslosen Landbevölkerung in die Stadt infolge der Aufhebung der Leibeigenschaft durch die Stein-Hardenbergischen Reformen (Regulationsedikt vom 9.10.1807), Konkur­renzdruck unter den vielen kleinen Meistern infolge der Gewerbefreiheit (Edikte von 1807 und 1811) sowie unmittelbare Auswirkungen der Kriegs- und Besetzungs­periode von 1806 bis 1813 (vgl. Geist / Küvers 1980, S.73).

Ein Überangebot an Arbeitskräften und ein aus dem stagnierenden Wohnungsbau in den Kriegsjahren resultierendes Unterangebot an billigen, kleinen Wohnungen ließ die Mieten in Berlin steigen. Demzufolge wanderten die ärmeren Schichten an den billigen Stadtrand, vor die Tore des Zollgebiets, wo nicht nur die Lebensmittel, sondern auch die Mieten billiger waren. Das Voigtland war dabei ein bevor­zugtes Ansiedlungsgebiet, wobei "das sich hier herausbildende Gebiet mit großer Arbeiter­kon­zentration (...) später zu einem wesentlichen Ansatzpunkt der Industrie­ansied­lung" wurde (Zimm 1988, S.19). In diesem Raum entstanden auch zur Versorgung der benötigten Fabrikarbeiter mit Wohnraum in den Jahren 1822 bis 1824 die ersten berüchtigten Berliner Mietskasernen unter der Regie des Kammerherrn von Wülcknitz (zwischen Borsig- und Gartenstraße). In den vom Maurermeister Linderer entworfenen sog. "Familienhäusern" konzentrierten sich in fünf vierstöckigen Häusern 2.000 Menschen. Die teilweise katas­tro­phale Lebenssituation der Mieter in diesen Häusern ist von Bettina von Arnim in einem an den König gerichteten Buch der Nachwelt überliefert (vgl. Arnim 1843).

Die Industrie- und damit auch Arbeiterkonzentration in der Chausseestraße und ihrer Um­gebung sorgten dafür, daß die Anfänge der deutschen Arbeiterbewegung mit der Chaussee­straße verbunden sind. So tat beispielsweise der "Bombardier" Friedrich Engels (1820-1895) auf dem ehemaligen Exerzierplatz "Grützmacher" in den Jahren 1841/42 Dienst. Es ist des weiteren nicht weiter verwunderlich, wenn einer der Schauplätze der Märzrevolution im Jahre 1848 die Chausseestraße und das Oranienburger Tor war. Führend bei der Revolution waren dabei die Arbeiter der Maschinenbauanstalten, insbesondere der von Borsig. Politische Versammlungen wurden im 19. und beginnenden 20. Jh. in den Germania-Sälen abgehalten (vgl. Demps 1987, S.473). Hier wurde auch, als Mitte des 1905 die Revolution in Rußland mit dem bewaffneten Aufstand der Moskauer Arbeiter ihren Höhepunkt erreichte, ein neues Or­ga­ni­sationsstatut für die Berliner Sozialdemokratie verfaßt (vgl. Demps 1987, S.500).

1903 eröffneten Theodor und Karl Liebknecht (1871-1919) in der Chausseestraße 121 ein Anwaltsbüro, in welchem sie die Arbeiter der umliegenden Fabriken berieten. Hier trafen sich am 1. Januar 1916 die Vertreter der Gruppe "Internationale" (u.a. Karl Liebknecht, Franz Mehring, Wilhelm Pieck) zu einer Konferenz, in deren Ergebnis die Spartakusgruppe (später in Sparta­kusbund umbenannt), die Keimzelle der Kom­munistischen Partei Deutschlands (KPD), ent­stand (vgl. Kuhl o.J., S.1). Auf der Stelle des im Zweiten Weltkriegs zerstörten Hauses steht heute das von Dietrich Grüning entworfene "Spartakus-Denkmal". Mit dem Führer der Berliner Arbeiterjugend, Erich Habersaath, und zwei weiteren Arbeitern an der Spitze des Demonstrationszuges der Schwartzkopff-Arbeiter fielen auch die ersten Opfer der November­revolution im Jahre 1918 in der Chausseestraße: auf dem Kasernengelände des Garde­füsilier­regiments.

Besonderheiten der Chaussseestrasse in Berlin

Schon sehr früh entwickelte sich die Chausseestraße zu einem Vergnügungsviertel, ge­kennzeichnet durch eine Vielzahl von Lokalen. Die größeren Grundstücke der Garten-Häuser wurden von ihren Besitzern zur Anlage von Vergnügungslokalen genutzt, um so ihre Existenz zu sichern. Außerhalb der Akzisemauer gelegen, konnten die Lokale Getränke ohne die in der Stadt darauf liegenden Steuern ausschenken, so daß sie hier einen wesentlichen Stand­ortvorteil gegenüber den Lokalen in der Stadt hatten. Für die Nr. 39 ist das Liesenschen Lokal bezeugt, über welchem die Familie von Theodor Fontane im Jahre 1835 eine Sommer­wohnung bezog (vgl. Voss 1986, S.30). Von diesen Einrichtungen hat bis in die Gegenwart das 1892 vom Architekten Alfred Messel (1853-1909) errichtete Gebäude des "Volks­kaffeehaus" in der Chausseestraße 105 überdauert. Volkskaffehäuser zeichneten sich dadurch aus, daß "in der im Erdgeschoß befindlichen Kaffee- und Speisehalle (...) die ringsum in großer Zahl wohnenden und in schlechten sozialen Verhältnissen lebenden Arbeiter und Arbeitslose für wenig Geld Kaffee und Zubrot verzehren (konnten). In den Volks­kaffee­häusern wurden Männer und Frauen in voneinandergetrennten Räumen bedient, die nur durch verschiedene Türen von der Straße her erreichbar waren" (Kuhl o.J., S.11).

An einem Theater in der Chausseestraße wurde "Theatergeschichte" geschrieben. Am 11. Juni 1848 eröffnete Carli Callenbach in der Chausseestraße 30/31 das "Neue Theater im Freien". 1859 lief die erste Vorstellung von "Meysels Sommertheater" in der Chaus­seestraße 30/31 und im Jahre 1865 wurde an gleicher Stelle das "Woltersdorff-Theater" eröffnet. Am 3.10.1883 erfolgte hier die einzige Uraufführung einer Strauss-Operette außerhalb Wiens: Mit "Eine Nacht in Venedig" wurde das "Friedrich-Wilhelm­städtische Theater" eröffnet, welches 1925 in ein Kino umgewandelt und  drei Jahre später abgerissen wurde (vgl. Kuhl o.J., S.2f).

Anfang unseres Jahrhunderts wurde die Chausseestraße einer der Standorte für die sich etablierende Berliner und damit deutsche Filmwirtschaft. So erwarb die Deutsche Bioscop Gesellschaft mbH in der Chausseestraße 123 im Jahre 1908 ein 6 x 9 m großes Photo-Atelier, ein sog. "Glashaus". Hier machten viele Pioniere, Regisseure wie Schau­spieler, des deutschen Films ihre ersten Erfahrungen, wenn auch ihre hier gedrehten Filme nur vereinzelt bis in die Gegenwart erhalten blieben. An dieser Stelle begann z.B. die Karriere des Stummfilm Stars Henny Porten mit dem Film "Schuld und Sühne" (1910; Regie: Emil Alfes).

Auch die "Duse des Nordens", Asta Nielsen, drehte in der Chausseestraße ihre ersten acht großen deutsche Filme, von denen jedoch nur "Die arme Jenny" (1911/12) er­halten blieb. Das mittlerweile auf 11 x 12 m er­weiterte Atelier wurde 1912 an die Continen­tal Kunstfilm GmbH verkauft, die noch im gleichen Jahr – nach dem Untergang der "Titanic" – 1912 mit dem ersten (Sensations-) Film über die Titanic her­aus­kam: "In Nacht und Eis" (Regisseur: Mime Misu; verschollen). Unter den Regie­debutanten, die in der Chausseestraße drehten, sind zu nennen: Mime Misu, Harry Piel, Joe May und last not least: Ernst Lubitsch, der bei der Bioscop seine ersten Erfahrungen im Filmgeschäft machte. Das Glashaus in der Chaussee­straße war eine "Talentschmiede" (Hanisch 1991, S.146), "doch sehr bald war es für alle zu klein. So schnell wie sie kamen, verließen sie es wieder" (Bz, 26.1.1995). Bis 1914 wurden in der Nr. 123 noch Spielfilme gedreht.

Ab 1916 drehte die Anfang dieses Jahrhunderts bekannte Film­schauspielerin Fern Andrea mit ihrer eigenen Film­gesellschaft Filme in ihren Atelier in der Chausseestraße 42 (vgl. BZ, 30.1.1995). Doch letztendlich zog die Film­industrie von ihren inner­städtischen Standorten nach Babelsberg um, denn in den City-Glashäusern war man allzusehr vom Wetter abhängig. Hinzu kam, daß die Film­arbeit gefährlich war (Feuer- bzw. Explo­sionsgefahr!) und dies war in der Nähe von Wohn­ungen nicht länger tragbar (wieder­holte polizeiliche Kontrollen). Darüber hinaus war es auch mühselig, die ver­schiedenen Deko­ra­tionen ständig bis unter das Dach hoch ­zu schleppen – teilweise noch ohne Fahrstuhl (vgl. Bz, 26.1.1995). Dennoch wurden in der Chausseestraße 123 noch weitere Filme gedreht, wenn auch nur mehr Werbefilme: 1919 nutzte die Argus-Film GmbH, 1922 die Nobody Film GmbH, 1923-25 die Boheme Atelier GmbH und in der ersten Hälfte der 30er Jahre die Commerzfilm Heydermann & Schwätzel das Atelier (vgl. Hanisch 1991, S.121ff). Heute sitzt hier die mib GmbH, die im Bereich Multimediaproduktionen tätig ist.

Auch andere Künstler zog es in die Chausseestraße. Fünf Jahre nach ihrer Rückkehr aus dem Exil zogen Bertold Brecht (1898-1956) und Helene Weigel (1900-1971) im Jahre 1953 in eine Wohnung in der Chausseestraße 125, in der sie bis zu ihrem Tode wohnen blieben. 1978 wurde das Gebäude mit dem Nachbarhaus (Nr. 124) als Brecht-Museum eingeweiht (vgl. Kuhl o.J., S.10). Ferner lebte bis zu seiner Ausbürgerung im Jahre 1976 der DDR-Liedermacher Wolf Biermann in der Chausseestraße 131 (vgl. Bz, 7.9.1996).

Vom Fabrikviertel zum Dienstleistungs- und Wohnstandort

Nach 1990 war die Straße einem permanenten Wan­del unterworfen. Die Nutzungs­struk­tur änderte und ändert sich rasch, wie Mo­mentaufnahmen in Form von Kar­tierungen aus den Jahren 1994/95 bzw.1998 sowie die Auswertung der CD-Rom Daten­bank "d-info" aus dem Jahre 1997 gezeigt hat.

Die Gebäudestruktur in der Chau­sseestraße war am Ausgangs­punkt der "Wende" durch Fabrik­ge­bäude einer­seits und Wohn­gebäuden, die zum Großteil vor 1918 (= 87,5 %) ent­standen sind, geprägt. Dennoch finden sich nur wenige Bau­denk­mäler in der Straße (z.B. Nr. 105). Die Wohn­ungen in diesen Gebäuden haben zum über­wiegenden Teil drei bis vier Räume und besitzen größten­teils eine Fläche von 40 bis 80 m² (= 61,8 %). Von der Einrichtung her sind sie in der Mehrzahl zwar mit Bad / Dusche und WC (= 79,6 %) ausge­stattet, aber hier do­minierten 1995 immer noch die Wohnungen ohne Sammelheizung (= 75,4 %; vgl. gebäude- und Wohnungszählung 1995). Zum Jahres­wechsel 1994 / 1995 standen in 31,9 % der Gebäuden, die Wohn­un­gen ent­hielten, diese teilweise leer. Ins­gesamt machte die Straße einen sehr herunter­gekom­menen Eindruck, zumal hier noch viele Bau­lücken und teilweise auch Bauruinen zu finden waren. Hinzu kam und kommt, daß die Chausseestraße eine stark befahrene Magistrale, quasi das "Einfallstor" in die City-Ost.

Seit der "Wende" wandelt sich die Chausseestraße (sehr) langsam von einem ehemaligen Fabrikviertel zu einem Dienstleistungsviertel, aber immer noch durchsetzt mit Wohnnutzung. Noch für das Ende der 80er Jahren waren in der Chausseestraße der VEB Robotron-Secura (Registrier­kassenproduzent bis Mikroelektronik), VEB Berliner Aufzug- und Fahrtreppen­bau, VEB Fern­meldemeßgeräte sowie Mode­waren­läden nachgewiesen (vgl. Hermann 1987, S.115). Im Laufe der Jahre kam es zu einer Reihe von Sanierungs­maßnahmen bei den Wohngebäuden, Umwandlungen von Farbrikgebäuden, sowie zum Neubau von Wohn- und Geschäftshäusern.

Bei den neu er­richteten Wohnungen handelt es sich in erster Linie um Eigentumswohnungen (z.B. Bau­projekt "Steinhof an der Panke"). Darin und in der Nähe zu dem entstehenden Regierungs­viertel sieht die Baustadträtin vom Bezirk Mitte, Karin Baumert (PDS), die Gefahr, daß es zu einer Verdrängung der Anwohner der Friedrich-Wilhelm-Stadt im Zuge von Luxus­sanierungen kommen könnte. Demzufolge wird seit dem Herbst 1997 an einer Milieu­schutzsatzung für dieses Gebiet gearbeitet (vgl. Berliner Zeitung, 24.9.1997). Statt einer Aufwertung sieht der Bürgermeister des Bezirks Mitte, Joachim Zeller (CDU), die Zukunft der Gegend um die Chausseestraße eher negativ. Auch Anwohner vertreten die Meinung, daß eher eine Verelendung, als eine Aufwertung der Straße und ihrer Nebenstraßen erfolgt (vgl. Berliner Morgenpost, 21.10.1997). Der immer noch anzutreffende Leerstand in den Häusern entlang der Straße bekräftigt dies, ebenso wie die zu beobachtende Fluktuation von Geschäften und Unternehmen. Dennoch muß man m.E. nicht so negativ für diese Straße sehen. Sogar als Standort für eine Firmenzentrale wird die Straße wieder "hoffähig": für das Jahr 1998 war die Verlagerung der Zentrale des größten ostdeutschen Unternehmens der Vereinigten Energiewerke AG (Veag) in einen Neubau an der Ecke Chausseestraße / Zinno­vitzer Straße geplant (vgl. Berliner Zeitung, 12.9.1996).

Betrachtet man die Nutzungsstruktur der Chausseestraße zu drei verschiedenen Zeitpunkten in den 90er Jahren (1994/95, 1997, 1998), so läßt sich nicht nur der Trend zu einem Dienstleistungsviertel mit den üblichen unternehmensbezogenen Dienstleistungen (Rechts-, Unternehmens- und Anlageberatung, Rechtsanwälte usw.) nachweisen, sondern m.E. sogar ein Ansatz zur Etablierung eines "kreativen Milieus", wie ich es nennen möchte. Im Jahre 1998 hatten Dienstleistungen mit 39,42 % den größten Anteil, wobei hier Rechtsanwälte und Ärzte führend waren (= 13,41 %), gefolgt von der Immobilienbranche (= 12,2 %) und den Beratenden Ingenieuren (= 8,5 %). Das produzierende Gewerbe nahm nur mehr einen Anteil von 15,38 % ein, wobei das Baugewerbe (Bauunternehmen bzw. Bauzubehör) mit 12 Nennungen (= 37,50 %) an der Spitze lag. Zum zukunftsweisenden Gewerbe (Umwelt-, Medizintechnik sowie Büromaschinen) waren 6 Betriebe (= 18,75 %) zu zählen. Das "kreative Milieu" hat einen Anteil von 16,35 %. Hier sind Dienst­leistungen, Gewerbe und Ein­zelhandel zusammen­ge­faßt, deren Gemeinsamkeit in ihrer künstlerischen bzw. gestal­terischen Ausrichtung liegt.

Neues Kreatives zentrum Chausseestraße?

Es gibt eine Reihe von Anzeichen, daß in der Chau­ssee­straße ein "kreatives Milieu" in Entstehung be­grif­fen ist. Die leer­stehenden Fa­briketagen bieten hierfür genü­gend (und noch billi­gen?) Raum. So wurde die Straße zu einem Standort der Malerei. Das Dachgeschoß einer ehemaligen Aufzugs-Fa­brik wurde z.B. vom Verein "Art Contact St. Petersburg / Berlin" als Ausstellungsfläche angemietet, womit sich dieser Ort für viele russische Künst­ler zum Treff­punkt und Zu­fluchtsort in Berlin entwick­elte wie z.B. für Evgenij Koz­lov oder Inal Savtchen­kov (jeweils St. Petersburg). Es heißt, daß es "in der Fabriketage von «Art Contact» (...) schon heute soviel Kunst aus Sankt Petersburg (gibt) wie nirgendwo sonst außerhalb dieser Stadt" (Berliner Zeitung, 19.1.1995; vgl. auch Berliner Zeitung, 16.11.1996).

Die ehemalige HO-Kaufhalle (später: Kauf­hof, geschlossen 1995; vgl. Berliner Zeitung, 21.6.1995) wurde zu einer Kunsthalle. Im Frühjahr 1998 grün­deten der Kölner Galerist Christan Nagel und mehrere Galeristen die INIT, die "Initiative zur Förderung zeitgenössischer Kunst". Die vom Besitzer der ehemaligen Kaufhalle bis zum Oktober 1998 mietfrei zur Verfügung gestellte Halle wurde seitdem zur "Privaten Kunsthalle auf Zeit" erklärt. Mit einer Aus­stellung des documenta-Künstlers Heimo Zobernig wurde sie eröffnet (vgl. Berliner Zeitung, 21.4.1998, 12.11.1998). Wechselnde Kunst-Ausstellungen finden auch im Neuen Berliner Kunstverein e.V. (Nr. 128/29), dem Kunstverein Friedrichstadt e.V. (Nr. 123), sowie in verschiedenen Galerien (Nr. 35, 116, 124) statt. In der Chausseestraße befindet sich darüber hinaus die drittälteste (von insgesamt 14) Artotheken von Berlin (Nr. 128). Hier können - gegen einen geringen Ver­siche­rungsbeitrag – Gemälde, Skulpturen und Grafiken ausgeliehen werden (vgl. Berliner Zeitung, 14.2.1998).

Desweiteren haben sich auf dem Fabrikgelände der Nr. 35 mehrere Mode-Designer eingerichtet. Unter dem Dach befindet sich "Slacks fashion", das Atelier von Claudine Conradi. In einem der anderen Gebäude teilen sich Modemacherin Linda Harper und das Designer-Team NoLoGo die Räume. Außerdem arbeiten dort ein Kunsttischler und ein Filmemacher (vgl. Berliner Zeitung, 29.5.1996). Ferner wurde im Frühjahr 1994 in der Nr. 8 von Mitgliedern des Arbeitskreises Medien e.V. (AK Medien) - zur Unterstützung junger, unbekannter Musiker - das "Offbeat-Musikzentrum" gegründet (vgl. Berliner Zeitung, 3.1.1995). Künstlerische und tech­nische Kurse für Jugendliche zur Annäherung an die Hand­werkskunst bietet der Verein "Jugend im Museum e.V." in der Chausseestraße 123 an (vgl. Berliner Zeitung, 9.9.1995).

Interessant ist auch, daß in der Chausseestraße mittlerweile wieder (siehe oben) Unter­nehmen der Filmindustrie bzw. der Mulimediabranche ansässig sind. Im Bereich Film reicht die Palette von der Ausstattung (Nr. 16), über Ausleuchtung (Nr. 110), Produktion (Nr. 17) bis hin zum Verleih (Nr. 8). Der Bereich der Bildmedien wird durch eine Anzahl von Photostudios (Nr. 12, 17, 34, 35) ergänzt. Des Weiteren findet sich in der Straße zwei Ton­studios (Nr. 8, 22). Eher zur Multimediabranche zu rechnen sind vier Unternehmen (Nr. 5, 13, 84, 123). Weiter finden sich in der Chausseestraße Architekten (Nr. 13, 35) bzw. Landschafts­architekten (Nr. 35), zwei Werbeagenturen (Nr. 5, 35) sowie eine "Events"-Agentur (Nr. 106). In Hinblick auf die in Veränderung begriffene Wirtschaftsstruktur der Straße ist besonders interessant, daß es seit Dezember 1997 in der Nr. 5, einer ehemalige Lokomotiven Fabrik, das 14.000 m² große, mit dem neuesten Stand der Kommunikations­technik versehene European New Media Center (ENMC) existiert. Hier sollen bis Ende 1998 rund zwanzig Firmen aus der Multimediabranche einziehen. Die ersten Unternehmen sind bereits eingezogen und die Hälfte der Räume war Ende 1997 bereits vermietet (vgl. Berliner Zeitung, 17.12.1997). Bei der Kartierung im Jahre 1998 war allerdings nur mehr eine Firma übrig geblieben.

Diskussionen um eine Brachfläche in Berlin-Mitte

In ihrer Geschichte war die Chausseestraße und ihre Umgebung immer auch ein Kasernenstandort mit den dazu gehörigen Einrichtungen (z.B. Königliches Garnisions­lazareth) und Exerziergelände. Seit 1851 ist die Kaserne des Garde-Füsselier-Regiments ("Maikäfer Kaserne") in der Chausseestraße fertig­gestellt (vgl. Kuhl o.J., S.2), welche noch auf einem Berlinplan aus dem Jahre 1910 zu finden ist (vgl. Landesarchiv Berlin, A 2012). An die militärische Tradition in der Straße erinnert noch das erste Krieger­vereinshaus in der Nr. 94, was heute als Wohngebäude (Genossenschaftswohnungen der Wohnungsbau­gesell­schaft Mitte) genutzt wird, sowie die heutige große Freifläche, die als Ex­erzierplatz der Artellerie "Grütz­macher" genannt wurde.

Die Besonder­heit hier ist, daß in einer Wachstube dieser Kaserne im Jahre 1915 das welt­berühmte Lied "Lili-Marleen" ent­stand (vgl. Berliner Zeitung, 6.1.1996). Nach 1918 wurden die militärischen Einrichtungen von der Polizei über­nommen: aus der Kaserne wurde die "Polizei­unterkunft Nord", auf das Freigelände wurde das Polizeistadion gesetzt und aus dem Lazareth wurde das Staats­kran­kenhaus der Polizei (vgl. Karte von 1936, Landesarchiv Berlin, A 2000; vgl. auch Derreth 1929).

Im Jahre 1950 wurde an dieser Stelle nach einem Entwurf von Selman Selmangic und Reinold Lingner (vgl. Herrmann 1987, S.216) das "Walter-Ulbricht-Stadion" gebaut. 1973 wurde es als "Stadion der Welt­jugend" neu eingeweiht (vgl. Kuhl o.J., S.3). 1992 wurde das Stadion abgerissen, um Platz für eine im Rahmen der Olympiabewerbung von Berlin benötigten Olympia-Halle Platz zu machen, wozu es jedoch nicht kam (vgl. Der Tages­spiegel, 22.10.1994).

Seit diesem Zeit­punkt gab es eine Vielzahl von Konzepten und städte­baulichen Wett­bewerben für die Bebauung der rund 13 ha großen Brachfläche in der Chausseestraße. 1992 wurde ein In­vestoren-Auswahlverfahren für die Errichtung ei­ner privat gebauten, privat finanzierten und privat be­trie­benen Mehrzweckhalle ausgelobt. Neben die Halle war an eine Block­rand­bebauung, genutzt durch ein Hotel, Büros, Läden, Dienst­leistungen und Wohnungen und die Schaffung von Grün- und Frei­flächen gedacht. Von drei Bewerber­gemein­schaf­ten, die in die engere Wahl genommen wurden, wurde mit dem besten Bewerber in Abstimmung mit dem Land Berlin ein kombinierter Realisierungs­wettbewerb für den Hallen- und Dienst­leistungs­komplex durchgeführt (vgl. Olym­pia­quartier... 1992, S.36). Doch der Baubeginn erfolgte niemals.

Darauf­hin wurde das brachliegende Gelände im Juni 1995 durch die Jungsozialisten aus dem Bezirk Mitte in einer Protestaktion besetzt, das Gras wurde gemäht und demonstrativ Sport betrieben, um so die Senats­verwaltung darauf aufmerksam zu machen, daß der Bezirk Mitte mit Sport­stätten am schlechtesten ausgestattet ist (vgl. Bz, 26.6.1995). Doch erst seit dem August 1996 können hier nun offiziell neben Golf noch andere Sportarten ausgeübt werden (vgl. Berliner Zeitung, 23.8.1996).

Aus einem für Berlin und Brandenburg offenen Architektur-Wettbewerb mit 116 Teil­nehmern ging dann Anfang März 1996 der in Berlin ansässige Schweizer Architekt Max Dudler hervor. Das Ziel des Wettbewerbs war die Entwicklung eines inner­städtischen Quar­tiers mit einem Wohnanteil von bis zu 70 % und die Integration von Kindergarten, Schule, Freizeitheim, Spielplatz, großen Sporteinrichtungen und Panke-Park, in welchem die Panke, die bislang hier unterirdisch fließt, wieder offengelegt, im Norden der der Bebauung angepaßt und von Plätzen und Alleen begleitet werden soll.

Nach Dudlers Entwurf sollten 74 % der Gesamtfläche mit vorwiegend sechsgeschossigen Hofhäusern für rund 2.000 Men­schen bebaut werden. Weitere Wohnungen waren östlich der Chausseestraße, im Kreu­zungs­bereich Liesenstraße/Chausseestraße, an der Boyenstraße und auf dem Gelände der ehe­maligen Charité-Wäscherei an der Scharnhorststraße geplant. Für die Versorgung für die Wohnbevölkerung waren Läden im Erdgeschoß geplant. Ferner waren zwischen Park und den Häusern an der Habersaathstraße eine Sportfläche mit einer Halle, ein Studentenwohnheim direkt an der Sportfläche sowie ein Kindergarten und ein Gemeindezentrum geplant. Doch schon bald nach der Vorstellung des Entwurfs kam Kritik von Seiten des Bezirks (Bau­stadt­rätin Karin Baumert; parteilos, für PDS), aber auch der Senatsverwaltung (Bau­senator Peter Strieder; SPD) auf, was eine Überarbeitung des Entwurfs notwendig machte (vgl. Berliner Zeitung, 2.3.1996).

Danach sollten mehr Flächen für den Panke-Landschaftspark sowie für Sport­möglichkeiten bereitgestellt werden, auch sollte die Bebauungsdichte modifiziert werden, damit neben den rund 2.000 geplanten Wohnungen auch Einrichtungen für die soziale Infrastruktur entstehen können (vgl. Berliner Zeitung, 13.3.1996). Der überarbeitete Entwurf Dudlers sah nun vor, daß zwölf u-förmige Wohnhäuser und gewerblich genutzte Gebäude mit Geschäften und Restaurants in den Erdgeschossen entlang der Chausseestraße entstehen sollen. Eine neue parallel zur Chaussee­straße ver­laufende Quartierstraße sollte den Wohnbereich von den Grün- und Sport­anlagen trennen. Ferner sollte die Panke an der Straße ein neues Bett erhalten. Weiter war eine Jugendfreizeitstätte und zwei Kitas geplant (vgl. Berliner Zeitung, 24.4.1997).