Flussreisen in Vergangenheit und Gegenwart

Ein Thema der Fächer Geographie und Deutsch am Beispiel der Donau - ein Auszug

Die Verbindung von Geographie und Reisen

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Reisen © DariuszSankowski / CC0 Public Domain / Pixabay

Warum befasst man sich als Geographin mit dem Thema "Flussreisen"? Die Ant­wort hat zwei Komponenten - "Reise" und "Fluss" - die jede für sich betrachtet werden müssen. Es ist naheliegend sich mit dem Thema "Reise" zu beschäftigten. Ausgehend von der Apodemik, der Lehre von der Kunst des Reisens in der zweiten Hälfte des 18. Jh., entwickelten sich im 19. Jh. Reisen zu Werkzeugen der Geographie. Die Geschichte des Reisens ist damit untrennbar mit der Geschichte der Entdeckungen und der Geographie verbunden, waren doch große Geographen wie Alexan­der von Humboldt, Ferdinand von Richthofen, Friedrich Ratzel oder Sven Hedin Forschungs- und Entdeckungsreisende (vgl. Beck 1957).

Trotz der großen Bedeutung, die das Reisen für die Geographie hatte, kam eine Vielzahl der erschienenen Reiseberichte nicht in erster Linie aus der Feder von Geographen, sondern beispielsweise von Journalisten, Diplo­maten oder Kauf­leuten. Die Publikation der Ergebnisse von Geo­graphen erfolgte vor allem über regelmäßige Veranstaltungen und Vorträge in den Geo­graphischen Gesell­schaften und über Ver­öffent­lich­ungen in geographischen Zeitschriften. Doch selbst die nicht von Geographen verfassten Schriften waren für das Fach wichtig, wurden doch diese nicht-wissenschaftliche Reiseschriften (Reise- und Wander­führer, Wanderbücher, Spezialführer, Reise­berichte und -beschreibungen oder Bildmappen) ebenfalls in Fachzeitschriften rezensiert und inhaltlich aufgegriffen. Damit waren noch im ausgehenden 19. Jh. wissenschaftliche und touristische Er­schließ­ung untrennbar miteinander verbunden (Miggelbrink 1995, 40, 45).

In den letzten Jahren hat die Beschäftigung mit der Kulturgeschichte des Reisens Konjunktur, da Reiseberichte insbesondere von Literatur­wissen­schaftlern, Histo­rikern und Volkskundlern als Quelle der Sozial- und Alltagsgeschichte wie auch der Kulturbeziehungs- und Mentalitätsgeschichte entdeckt wurden. Von geogra­phischer Seite lässt sich ein solches Interesse bislang nicht feststellen, trotz großer For­schungslücken. Dies resultiert vor allem aus der vorhandenen Materialflut in den Archiven und Bibliotheken, die größtenteils noch nicht gesichtet bzw. kata­logisiert ist.

Eine Auswertung der Reiseliteratur könnte nützliche Erkenntnisse nicht nur für eine Geschichte des Reisens und der Geographie bringen, sondern auch den "Blick für die vollzogenen Wandlungen und das Er­schei­nungsbild der Gegenwart" (Fick 1968, 10) in vielen Kulturräumen schärfen. Dies macht Reiseberichte für den Geographieunterricht so wertvoll.

Flüsse als Kulturträger des Menschen

Seit frühesten Zei­ten ist eine enge gefühlsmäßige Bindung des Menschen zum Fluss feststellbar, man könnte fast von einer magischen Anziehungskraft von Flüssen auf Menschen re­den. Sichtbar wird dies u.a. darin, wie häufig dieses Thema heute noch in den Medien behandelt wird. Diese emotionale Beziehung, die sowohl positive wie negative Gefühle beinhalten kann, resultiert mit hoher Wahr­schein­lichkeit aus der Bedeutung der Flüsse für den Menschen.

Flüsse gestalten zum einen Natur- und Kulturlandschaften, zum anderen waren und sind sie die Basis menschlicher Zivilisationen. Man muss sich nur vergegen­wärtigen, dass Flüsse stets der Entstehungsgrund von Hochkulturen waren wie am Euphrat und Tigris oder am Nil zu sehen. Flüsse dienen als Nah­rungs­lieferanten, als Verkehrs- bzw. Handels­wege, als Energie­lie­fe­ranten und als Ab­was­serträ­ger. In früheren Zeiten übernahmen sie ferner spirituell-religiöse Funktionen, was sich heute noch in einer sehr ausgeprägten Sagen- und Mythenwelt von einzelnen Flüsse zeigt (vgl. Ratzenböck 1994). In verschiedenen Teilen der Welt kann die spirituelle Funktion heute noch beobachtet werden wie beispielsweise beim Ganges.

Diese komplexe Bedeutung eines lässt sich besonders gut am Beispiel der Donau zeigen. Sie ist mit einer Länge von 2850 km der zweitgrößte Fluss Europas. Ihr Stromeinzugsgebiet erstreckt sich auf räumlich gewaltige Gebiete von Deutschland bis ans Schwarze Meer und verbindet damit Kulturlandschaften unterschiedlichster Art. In der Literatur immer wieder als "weiblich, mütter­lich mit einer Kraft und Anmut ohnegleichen" beschrieben, gilt die Donau als der "Nibelungenstrom" (A.B. 1956), als der "Morgenlandstrom des Abendlandes" (Muhr 1973, 21) oder als "Symbol Europas" (Leitl 1992) schlechthin. An ihrem Ufer ist die Geschichte dieses Kontinents "aufgefädelt" (Trost 1968, 60). Eine Reise auf der Donau kann man somit auch als eine "Meditation über Europa"[1] bezeichnen.

 


[1]   Alexander Adler im Vorspann zur Serie "Donauchroniken" am 6.8.1996 in ARTE. Diese Serie zeigte aus französischer Sicht eine Reise auf und entlang der Donau von den Quellen bis zum Schwarzwald.

Die Donau als gegenstand der Geographie

Angesichts des komplexen Gegenstandes "Fluss", ist es umso er­staunlicher, dass die geographische Wissenschaft einschließlich ihrer Didaktik die Donau, wie andere Flüsse auch, bislang nur unter jeweils sehr speziellen Blickwinkeln bis ca. 1970 betrachtet hat. Eine Durchsicht der wichtigsten deutschsprachigen Fachzeitschriften der wissen­schaft­lichen und der didaktischen Geographie von ihren Anfängen bis 1999 zeigte, dass stets entweder eine physisch-, eine verkehrs- oder eine wirt­schafts­geographische Betrachtungsweise gewählt wurde.

Entsprechend bietet die Donau für den Unterricht einen wesentlich größeren Schulungskomplex, als dies in den Schulbüchern bislang vorgesehen ist. In den meisten Erdkundebüchern der siebten Klasse im Bundes­land Berlin wird die Donau im Zusammenhang mit dem Raum Südosteuropa be­handelt. Hier wird die Donau als eine internationale Was­serstraße und als Bin­deglied unter­schiedlicher Landschafts­typen und Kultur­räume beschrieben. Zugleich dienen Schiffsreisen auf der Donau und speziell die Fahrt durch das Eiserne Tor (Durchbruchtal der Do­nau) zur Veranschaulichung der Ver­kehrs- und Energie­erzeugerfunktion des Flusses (Heimat und Welt 1994, 126; Terra 1994). Gerade am Beispiel des Eisernen Tores wird gerne auf die Donauregulierung eingegangen. Das Donaudelta wird dagegen stets unter dem Aspekt der bedrohten Naturlandschaft mit hoher ökologischer Bedeutung abgehandelt (Heimat und Welt 1994, 126; Geos 2 1994).

Gerade in neuerer Zeit mehren sich die Stimmen in der Didaktik, die für die Behandlung des Themas "Fluss" bzw. "Donau" im Unterricht plä­dieren (Nehring 1992; Themenheft "Donau" in der Zeitschrift Geographie Heute, Heft 105 1992). So schlug Zaretzki 1993 vor, den Donauausbau in Österreich als Klausur für die Unterrichtseinheiten "Oberflächenformen Mitteleuropas, ihre Gestaltung durch Wasser, Eis und Wind" sowie "Eingriffe des Menschen in den Naturhaushalt" zu vergeben (18). Bereits 1988 wurde in Wien ein Rollenspiel für Schüler ab der 8. Schulstufe zum Thema "Kraftwerksbau an der Donau" entwickelt (vgl. Schuch/Traindl 1993).

Bislang wurde die Donau also am häufigsten unter dem Aspekt Verkehr betrachtet, doch dieser internationale Handels- und Verkehrsweg erhielt seit der Entdeckung durch die Griechen bis heute nie die wasser­wirt­schafliche Bedeutung anderer Ströme wie beispielsweise des Rheins. Stattdessen besaß die Donau als geopolitischer Faktor eine hohe Bedeutung in der Geschichte Europas. Oft wurde sie von Politikern, Historikern und Geographen als das geographische Element deutscher Geschichte und Politik betrachtet. Sie diente seit der Zeit Alexanders des Großen als Grenze und war eine wichtige Achse der Kriegs- und Völkerzüge (vgl. Müller-Guttenbrunn 1913, Karayannopolus 1961).

 

Nach dem Ende der Habsburger Monarchie wurde der Strom ferner zum Syn­onym für die Länder Südosteuropas ("Donauländer"). Umso er­staunlicher ist das Fehlen des politisch-geographischen Ansatzes bei der Be­handlung des Themas "Donau" im Geographieunterricht (in Kooperation mit dem Geschichts­unterricht) angesichts einer Vielzahl von geo­politischen Publikationen aus dem 19. und Anfang des 20. Jh. (vgl. z.B. Vogel 1924, Schultz 1925).

Blick auf Weissenkirchen (Wachau) © Dr. Alexandra Elgert
Blick auf Weissenkirchen (Wachau) © Dr. Alexandra Elgert

In Untersuchungen zur Lage und Genese von Städten bis Anfang des 20. Jh. spielten Flüsse als Thema der Stadtgeographie ebenfalls eine Rolle. Das Donautal ist ein uralter Siedlungsraum, wovon die "Venus von Willendorf" (A, ca. 25.000 v. Chr.) ebenso zeugt, wie die Funde der Siedlung Le­penski vir (Serbien, 8.000 - 4.500 v. Chr.). Keltische und römische Siedlungsreste beweisen die Siedlungskontinuität bis in die heutige Zeit. Aus neuerer Zeit stammen die Burgen, Schlösser, Klöster und Kirchen. Sie zeugen davon, dass Kaiser und Könige, Fürsten der Kirche, Heerführer sowie Wirt­schaftsmagnaten in früheren Zeiten die Donau "wie eine staubige Land­straße" frequentierten, dienten sie doch als standesgemäße Rast­häuser (Trost 1968, 185). Auch dieser Ansatz fehlt bislang in der Betrachtung des Donauraums.

Ebenso wie der Blickwinkel auf die Donau als ästhetischer Land­schafts­raum im Wandel der Zeit unter Verwendung des wahr­nehmungs­geographischen Ansatzes. Das Fehlen dieses Ansatzes ist umso un­ver­ständlicher, als eine fast unüberschaubare Fülle von Quellen vorliegt, welche die subjektive Bedeutung des Landschaftsraumes "Donau" belegen. Nicht nur, dass die Donau Literaten, Malern, Musikern sowie Theater- und Filmleuten in vielen Jahrhunderten vielfältige Anregungen bot, die sich in ihren Werken niedergeschlagen haben, es gibt ebenfalls eine Vielzahl von Reisebeschreibungen, Reiseberichten, Reisebriefen aus verschiedenen Jahrhunderten zu Fahrten auf oder entlang der Donau.

Diese Reiseliteratur bietet eine gute Quelle für den wahr­nehmungs­geographischen Ansatz in Wissenschaft und Schule, da ihre Auswertung Aufschluss über Wahrnehmungsmuster der Reisenden, deren Änderung und damit den Bedeutungswandel der Donau im Verlauf der Zeiten geben kann. Hier bietet sich eine Zusammenarbeit mit dem Deutschunterricht an.

 

Flussreisen auf der Donau in der Vergangenheit

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Strudel an der Thonaw 1649 © M. Merian / CC0 Public Domain / Wikimedia Commons

Seit dem 7. Jh. v. Chr., der Zeit ihrer Entdeckung durch die Griechen, ist die Donau als Handelsweg in den Quellen bezeugt. Die Fahrt auf der Donau war nie ungefährlich, gab es doch viele natürliche Hindernisse im Fluss, von denen der Struden (zwischen Grein und St.Nikola) sowie die Donaukaterakte zusammen mit dem Eisernen Tor die schlimmsten Passagen waren. Dies machte bis zum Beginn des Dampfschifffahrt (1830) eine besondere Art von Schiffen notwendig (vgl. Friedrich Nicolai 1771 zit. nach Myss/Schlandt 1975, 31f.). Hinzu kamen die Behin­derungen aus den politischen Gegebenheiten, war doch der Donauraum jener Teil des europäischen Kontinents, "in dem der heftigste Kampf zwischen West und Ost im Verlaufe der letzten 2000 Jahre tobte" (Tonic-Sorinj 1961, 86). Darüber hinaus erschwerten die sehr zahl­reichen, an den Flussufern errichteten Mauten sowie die vielen Nieder­lags- und Stapelrechte den Handelsverkehr.

Trotz allem war eine Donaufahrt immer noch bequemer als eine Reise zu Lande. Viele hochgestellte Persönlichkeiten nutzten daher das Schiff wie beispielsweise Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1745. Die Reisen dau­erten wochenlang, wobei die Fahrten strom­aufwärts bis 1830 besonders schwierig waren. Vor dem 14. Jh. wurden die Schiffe durch Menschen­kraft gegen die Strömung gezogen bis man schließ­lich völlig auf Pferde umsattelte (vgl. Friedrich Nicolai 1771 zit. nach Myss/Schlandt 1975, 31f.; Johann Kaspar Riesbeck 1780 zit. nach Trost 1968, 206). Mit dem Auf­kommen der Dampfschifffahrt verkürzten sich nicht nur die Reise­zeiten, auch das Treideln stromaufwärts wurde weniger schwierig (vgl. Trost 1968, 421f.). Gleichzeitig erhöhte sich mit dem Aufbau eines regelmäßigen Linien­schiffsverkehrs die Bequemlichkeit des Reisens.

Die Fahrt mit einem der nun regulär verkehrenden Donauschiffe zwischen Ulm und dem Donaudelta (Sulina) der unterschiedlichen Donau-(Dampf)­schifffahrtsgesellschaften wurde vor allem für die Fahrt in das von Deutschen besiedelte Banat und in den Orient (Konstantinopel) ge­nutzt (vgl. Brennecke 1870, 2). Dabei waren die Reisenden von inter­na­tio­naler und sozial unterschiedlicher Herkunft (vgl. Michael Quin 1834 zit. nach Myss/Schlandt 1975, 72), wobei sich für die gehobeneren Schichten ein komfortables Umfeld bot. Die ärmeren Reisenden kam­pieren da­gegen auf dem Oberdeck (vgl. Sigismund Wallace 1864 zit. nach Myss/Schlandt 1975, 82; Brennecke 1870, 75f.).

Die Zahl der Passagiere auf dem Strom stieg in dem Maße, wie natürliche Hindernisse beseitigt wurden, die Fahrtzeiten sich ver­kürzten und die Internationalisierung der Donauschifffahrt voran­schritt. Dabei wurden die Flußreisen nicht nur genutzt, um von Punkt A nach Punkt B zu kommen, sondern zunehmend, wenn auch nicht in dem Maße wie beim Rhein, von Bildungsbürgern als eigentliches Reiseziel. Man fuhr nicht nur mit einer der Gesellschaften, sondern auch mit dem eigenen Boot (vgl. z.B. Donner 1890, Schmidt 1844 zit. nach Trost 1968, 140f.).

Flussreisen auf der Donau in der Gegenwart

Bei den heutigen Vergnügungsreisen kann man zwischen Fluss­kreuzfahrten auf der Donau, dem sog. "Wasserwandern" mit Ruder­booten, Kanus oder Hausbooten sowie "Flusswandern", d.h. wandern oder Radfahren entlang des Stromes, unterscheiden.

 

Obwohl die verschiedenen Formen von Flussreisen heute aus dem touris­tischen Angebot nicht mehr wegzudenken sind, fehlen bisher Unter­suchungen zu diesem Urlaubstyp. Das gilt sowohl für die Tourismus­forschung wie für die Fremdenverkehrs- und Freizeitgeographie (vgl. Freyer 1993, 146ff.; Ganser 1993). Es gibt zu diesem Thema jedoch in unregelmäßigen Abständen Berichte bzw. Reportagen in Zeitungen und im Fernsehen. Ferner ist eine rege Publikationstätigkeit auf diesem Gebiet feststellbar: Führer zum Reisen auf und entlang von Flüssen, Flussbiographien, Bildbände zu einzelnen Flüssen, Wiederauflage bzw. Aktualisierung älterer Reisebeschreibungen (vgl. z.B. Heikell 1995, Morath 1995).

Die räumlichen Schwerpunkte wie das Publikum unterscheiden sich je nach den einzelnen Formen der Flussreisen. Flusskreuzfahrten beispiels­weise werden als etwas Be­sonderes angeboten. In einer Zeit der steten Beschleunigung hat eine Flusskreuzfahrt mit ihrer langsamen Ge­schwindigkeit "etwas Vornehmes, ja Exklusives" (Krüger 1990, 7). Dazu bedarf es eines besonderen Typs von Reisenden, der diese Form der Reminiszenz an das Reisen ver­gangener Tage zu schätzen weiß (vgl. Krüger 1990, 8; Siedler 1993, 15). Man kann hier mit Nadolny von einer (Wieder-) "Entdeckung der Langsamkeit" sprechen.

Flusskreuzfahrten sollen Erholung mit Kultur und Landschaft für ein – in der Regel etwas zahlungskräftigeres Publikum – verbinden (vgl. Krüger 1990, 24). Es ist zugleich eine erholsame Art für einen Kurzurlaub entlang abwechslungsreicher Ufer. Hinzu kommt, dass die Landschaft in einem nie vorher gesehenen Blickwinkel vorbei gleitet, und dass bei der generell geringen Größe der Flussschiffe diese Reiseform eine über­schaubare Anzahl der Passagiere mit besseren Kontaktmöglichkeiten bietet (vgl. Siedler 1993, 42f.).

reiseliteratur im Unterricht aus geographischer Sicht

Reiseerfahrungen können als Unterrichtsmittel eingesetzt werden, um sich Räumen "sinnlich" zu nähern, denn "jede Reise beweist schmerzhaft die Unmöglichkeit, fremde Räume im Geographieunterricht 'wirklich' kennenzulernen" (Engelhardt 1990, 26). Da Exkursionen oft aus organisatorischen bzw. finanziellen Gründen nicht möglich sind, bleibt die Verarbeitung der Reiseerfahrungen anderer in Form von Reise­beschreibungen, Reiseberichten oder Reisebriefen.

Es gibt eine Vielzahl von didaktischen Gründen, warum Reiseliteratur im Unterricht eingesetzt werden sollte. Im Vordergrund steht die Moti­vation, denn diese Literatur rückt ihren "Gegenstand unmittelbar in den Erfassungs- und Fragehorizont des Schülers" (Fick 1968, 21). Hinzu kommt, dass die jeweiligen Reiseberichterstatter den Lesern durch die "originale Begegnung" mit einem Raum und die "Lebensnähe" (Fick 1968, 22, 25) der Texte gefühlsmäßige, erlebnishafte und persönliche Bezüge zum Sujet ermöglichen. Ferner wirken Reisebeschreibungen "den Tendenzen einer Spezialisierung oder Systematisierung entgegen. Sie führen die erdkundlichen Sachverhalte in der Lebenswirklichkeit eines Raumes vor Augen. Sie präsentieren eine Ganzheit" (Fick 1968, 23).

Die dynamische und häufig dramaturgisch spannende Handlung der Texte lässt sich gut in eine Lehrdramatik umsetzen. Hinzu kommt, dass die in bezug auf Anspruch und Niveau sehr differenzierte Reiseliteratur dem Lehrenden genügend Möglichkeiten bietet, "bei der Auswahl geeigneter Darstellungen sich weitgehend auf die jugendlichen Entwicklungsstufen und den Bildungsstand seiner Klasse einzustellen" (Fick 1968, 24):

Nachdem Fick 1965 und 1968 geographische Reisebeschreibungen wieder als didaktisches Mittel im Erdkunde- und Gemeinschaftskunde­unterricht propagiert hatte, gaben erst Brucker/Pietrusky 1986 in einem Themenheft der Zeitschrift Praxis Geographie (Heft 2, 1986) sehr um­fangreiche didaktische Leitlinien für den Einsatz von Forschungs­berichten im Unterricht. Diese sehen vor allem eine Kooperation mit dem Deutschunterricht vor, da Ganzschriften der Reiseberichte sonst nicht im Unterricht eingesetzt werden könnten. Aufgabe des Unterrichts muss es dann sein, die "Orte der Handlung" topographisch, d.h. in Klima-, Vegetations-, Wirtschafts-, politischen und sonstigen thematischen Kar­ten einzuordnen. Dabei sollte ebenfalls auf die Motive und Zielsetzungen des Forschers oder Reiseschriftstellers eingegangen werden. Damit ist bereits die Funktion der Reiseliteratur als Träger von Wahr­nehmungs­mustern angesprochen.

Zur Ergänzung und für einen besseren "sinnlichen" Zugang zum jeweiligen Raum sollten Lehrer darüber hinaus "Räume eigener Er­fahrung stärker in den Mittelpunkt stellen, Kollegen, Eltern, Bekannte, Fachleute zu authentischen Berichten, zur Befragung, zum Interview einladen" sowie Gäste aus dem entsprechenden Raum dazu bitten. Zur Vorbereitung von Reisen können auch mehr außerschuliche, "öffentliche" Unterrichtsmedien zum Tragen kommen wie z.B. Kino(spiel)filme, Fernsehdokumentationen, Literatur von Autoren aus den jeweiligen Räumen sowie Reiseführer (Engelhardt 1990, 29).

Hier bietet sich wiederum die Donau an. Es gibt viele Spielfilme, ins­besondere aus der Sparte des Heimatfilms, deren Handlungsorte sich auf bzw. an der Donau befinden (z.B. "Die Donauschiffer/A 1940, "Dort in der Wachau/Donaumädel"/D 1957, "Der Donauschiffer/H 1974; vgl. als Serie "Die Donauprinzessin"). Auch als Motiv für Dokumentarfilme hat der Strom schon gedient (vgl. Ebner u.a. 1994).

Daneben ist die Donau eine "Literaturlandschaft" (Schaber 1994), die von Sagen (vgl. z.B. Kircher 1988, Hasslwander 1994), über Heldenepen (z.B. "Argonautenfahrt", "Nibelungenlied"), über Gedichte (vgl. z.B. At The Source ... 1976, Jozsef 1980, Biggi 1981, Kunze 1985), Novellen und Romane (z.B. Müller-Guttenbrunn 1913) bis hin zu Beschreibungen einer Donaufahrt aus der Sicht von Literaten (vgl. Muhr 1973, Schaber 1995) reicht. Ferner bot der Fluss genügend Stoff für eine Vielzahl von Theaterstücken (vgl. Merschmeier 1987, Kralicek 1991, Müller 1993), von Musikstücken ganz zu schweigen. Hier seien nur die Komponisten Johann Strauss Sohn ("An der schönen, blauen Donau") und Robert Stolz ("Drei von der Donau") genannt.

Reiseliteratur im Kontext des Wahrnehmungsgeographischen Ansatzes

Der Anfang der 70er Jahre in den USA aufgekommene wahr­nehmungs­geographische oder verhaltensorientierte Ansatz ("behavioural ap­proach") basiert auf der Erkenntnis, dass neben dem bisher unter­suchten 'objektiven' Raum, der mit Hilfe bestimmter Merkmale definiert werden kann, auch ein 'subjektiver' Raum, der sog. Wahrnehmungs-, Erlebnis- und Handlungsraum existiert.

Handlungen von Menschen resultieren aus den von ihnen subjektiv wahr­genommenen Fakten bzw. sie handeln in subjektiv wahrgenommenen Räumen. Die Wahrnehmung des Einzelnen wird dabei neben den persönlichen Faktoren (wie z.B. Wahrnehmungsbereitschaft, Motivation, Alter oder Geschlecht) durch die Werte- und Normvorstellungen der jeweiligen Kultur und der Gesellschaftsschicht bestimmt (vgl. Wenzel/Schulze-Gobel 1978, Wenzel 1982). Dies bedeutet, dass es bestimmte Wahrnehmungsmuster gibt, die aus ihrer ökonomischen und gesellschaftlichen Eingebundenheit heraus interpretiert werden müssen.

Obwohl dieser Ansatz in der Wissenschaft seit Jahrzehnten anerkannt ist, "hat er sich bislang in den Lehrplänen der deutschsprachigen Schulgeographie noch nicht explizit durchgesetzt" (Friedrich/Weixl­baumer 1995, 65). Wenzel und Schulze-Gobel halten ihn jedoch didak­tisch für sehr wichtig, "weil er zunächst einmal durch unterschiedliche Sozialisationseinflüsse verursachte Voreinstellungen offenzulegen ver­mag; zudem kann er die dahinterstehenden, gruppenmäßig unter­schiedlichen Bewertungsmuster verdeutlichen und schließlich einen Ver­gleich mit der jeweils vorhandenen sozialen Situation und gesamt­gesellschaftlichen Realität ermöglichen. Gleichzeitig wird die eigene Person (des Schülers) dabei grundsätzlich in Frage gestellt und ein zu stark ausgeprägter Egozentrismus überwunden. Erst vor diesem Hintergrund kann ein Unterricht gesellschaftsbezogene Einsichten ohne einseitige Verzerrungen erarbeiten und vermitteln"(1978, 10).

Damit ist der Ausgangspunkt von Lernprozessen gegeben, denn die Schüler werden angehalten ihre eigenen Einstellungen und Hand­lungsweisen vor dem jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund zu analysieren und sich kritisch mit bestimmten Wert­maßstäben auseinanderzusetzen. Und Gerhard Hard sieht im Thema "Umweltwahrnehmung" ein "Musterbeispiel für die bleibende didaktische Brauchbarkeit eines Themas, das seine wissenschaftliche Fruchtbarkeit zu einem guten Teil verloren hat" (Hard 1988, 14).

Ein Beispiel hierfür bietet Österreich, wo erstmals im Schuljahr 1992/1993 der wahrnehmungsgeographische Ansatz unter der Themen­bezeichnung "Wahrnehmung von Völkern und Staaten" in den Lehrplan für die 12. Schulstufe aufgenommen wurde (vgl. Friedrich/Weixlbaumer 1995, 65). Für Deutschland liegen bislang nur wenig ausgearbeitete Unterrichtsvorschläge zur Umweltwahrnehmung vor (vgl. Schultz 1981, Wenzel/Schulze-Goebel 1978 zit. nach Hard 1988, 14). Hard beispielsweise schlägt das Erarbeiten von "mental maps" vor, wobei Erd­kundebücher, Reiseführer und Reiseprospekte unter bestimmten Frage­stellungen analysiert werden sollten. So könnte ausgehend von der mental map der Schüler der gleiche Raum (Land, Stadt, Landschaft) in zeit­gleichen und zeitverschiedenen, deutschen und anderen Schulbüchern und Schulatlanten, Reiseführern und Reiseprospekten, Plänen betrachtet werden, um jeweils die map makers und ihre Absichten zu erkennen. Die Gegenüberstellung von eigenen mit fremden, privaten und offiziellen mental maps führt schließlich zur Selbstwahrnehmung der Schüler und zur Verbesserung der Gegenstandswahrnehmung (vgl. Hard 1988, 16). Hier ist auch eine enge Verbindung zum regionalgeographischen und topographischen Unterricht gegeben.

Von besonderem Interesse ist die Analyse von Reisebeschreibungen im Unterricht, die auf Wahrnehmungsmuster von Natur und Landschaft und deren Wandel zielt. Eine Untersuchung der Rezensionen von Reise­literatur in der "Geographischen Zeitschrift" hat gezeigt, dass in der Reiseliteratur der alltagssprachlich verwendete Begriff "Landschaft", der inhaltlich mit Wahrnehmungsstereotypen besetzt ist, zur Schnittstelle zwischen geographischem und touristischem Interesse wurde. Insbe­sondere nach 1918 rückte das Landschaftserleben in den Mittelpunkt des Interesses der wissenschaftlichen Geographie. Damit wurde, basierend auf der Tradition der Ästhetischen Geo­graphie im Gefolge der Hum­boldtschen Kosmosschau, ein deutlich emotional geprägter Zugang zur Natur wichtiger als eine rationale Auseinandersetzung mit den eigenen Beobachtungen (vgl. Migglebrink 1995, 42).

Dies hängt mit dem Wandel der Naturwahrnehmung im Zeitraum zwischen 1750 und 1840 zusammen, dem Wandel von der wilden Natur zur schönen, sehenswerten und sogar erhabenen Natur. Dieser erfolgte in dem Maße wie Naturphänomene beobachtet, systematisiert und in eine rational naturwissenschaftliche Weltordnung eingeordnet werden konnten. Damit war der Weg frei, dass Natur "als Gegenbegriff und Gegenwelt zu den modernen ökonomischen Entwicklungen und ihren sichtbaren Folgeerscheinungen wie Industrialisierung und Verstädterung begriffen werden (konnte). Aus dem Bedürfnis nach Kompensation heraus wurde das zuvor rationale Verhältnis zur Natur zu einer ästhetischen und parallel dazu Natur zur Kulisse, zur Landschaft" (Migglebrink 1995, 38).

Etwas später als diese Entwicklung ist im letzten Drittel des 18. Jh.s ein Wandel in der Reiseliteratur von der gelehrten, enzyklopädisch-wissen­schaftlichen zur subjektiv-literarischen festzustellen. Dies hing mit der zunehmenden statistischen Erkundung der bereisten Länder im Zuge der wissenschaftlichen Spezialisierung zusammen: "die Reisebeschreibung (...) befriedigte nicht mehr die auf einen bestimmten Wissenschafts­gegenstand bezogenen Erkenntnisinteressen" (Hentschel 1991, 53). Die Verfasser von Reisebeschreibungen sollten vor dem Leser "eine kleine subjektive Welt" entstehen lassen, um ihn

"genau denselben Weg zu führen (...) und ihm dieselben Gegenstände zu zeigen, ganz von derselben Seite von der du sie betrachtet hast – so daß sein Geist am Ende deiner Reise diese gewissermaßen nicht so sehr gelesen als – selbst unternommen hat" (Baggesen 1789 zit. nach Hentschel 1991, 66).

Einschränkend sei hier erwähnt, dass die Wahrnehmungsmuster der Rei­senden stets bereits bestehenden Leitbildern und Landschaftsklischees unterworfen waren. Spätestens in der ersten Hälfte des 19. Jh.s kam es sogar zur Ausbildung eines Sehmodells "Touristische Wahrnehmung", welches bis heute aktuell ist und stark geprägt durch die Reiseliteratur wurde. In ihr wurde die visuelle Aneignung des jeweils bereisten Raumes durch den Verfasser festgehalten und durch bildliche Darstellungen (Gemälde, Drucke und Zeichnungen) zu einer kollektiven Erfahrung umgewandelt. Insbesondere durch die Landschaftsmalerei von Claude Lorrain, Salvator Rosa und Nicolas Poussain wurden nach Fischer Sehweisen und Sehgewohnheiten so nachhaltig konditioniert,

"daß im 18. und 19. Jahrhundert Reisende vieler Nationen just eben die Landschaft meinten vor Augen zu haben, die sie bereits von der Landschaftsmalerei her kannten. [...] Die von der Neuzeit entdeckte schöne Landschaft ist keineswegs die unmittelbar gegebene, sondern die durch ein Medium wahrgenommene Landschaft" (Fischer 1986, 397).

Es ist in diesem Zusammenhang interessant festzustellen, dass die Anfänge der mitteleuropäischen Landschaftsmalerei im Donauraum liegen. Die sog. "Donauschule" bezeichnet einen Kunststil, der sich im ersten Drittel des 16. Jh.s im bayerisch-österreichischen Raum (Regens­burg, Passau, Wien) entwickelte. Dieser Stil resultierte aus einem neuen Naturgefühl seiner Vertreter (u.a. L. Cranach d.Ältere, A. Altdorfer, W. Huber und Meister der Historia), wobei der radikale Bruch mit der Werkstatttradition des Mittelalters und die Hinwendung zur Landschaft kennzeichnend ist. Dabei herrscht eine 'malerische' Auffassung, eine Vorliebe für Lichteffekte, Atmosphäre und eine märchenhaft-romantische Stimmung vor (vgl. Schindler 1987). Auch in späteren Jahrhunderten blieb die Donau ein beliebtes Motiv bei den Malern wie bei William Turner zu sehen.

Auf andere Weise förderten Reiseführer eine Standardisierung der Wahr­nehmung, indem sie das "kanonisch Sehenswerte" festlegten (Märker/Wagner 1981, 12): Man sah bald nur noch, was andere vor einem gesehen und als sehenswert befunden hatten. Einen sehr großen Einfluss auf das – insbesondere bürgerliche Reiseverhalten – hatten beispielsweise die sog. "Baedeker-Reiseführer". Merkwürdigerweise wurde nie ein solcher explizit für die Donau heraus­gegeben. Das Standardwerk für Donaureisen wurde stattdessen das seit 1835 in regelmäßigen Abständen von der Ersten Donau-Dampf­schiff­fahrtsgesellschaft herausgegebene "Handbuch für Donaureisen".

Der Zugang zum Wandel des "Landschaftserlebnisses" bzw. des "Land­schaftsbildes", d.h. des subjektiven Bedeutungswandels von topo­graphischen Räumen vor dem Hintergrund veränderter Wert- und Norm­vorstellungen lässt sich daher auch für die Donau, besonders gut über subjektiv-literarische Reisebeschreibungen finden. Als Quelle für den wahrnehmungsgeographischen Ansatz im Unterricht "berührt (diese Literaturform) das Befinden des Menschen" (Tautfest 1992, 5) und damit des Schülers. Darüber hinaus bietet sich eine enge Verknüpfung mit dem Deutschunterricht an, da dort das Thema "Landschaftsbilder" als wichtiger Beitrag zur Ästhetischen Erziehung im Zeitalter des Tourismus gesehen wird (vgl. Wermke 1994, 86).

Die Donau und Donaureisen in Beschreibungen der Reiseliteratur

Es ist sehr schwierig die Beschreibungen der Donau und der Donaureisen zu systematisieren, da eine exakte Trennung zwischen den literarischen Formen nicht vorliegt. Hinzu kommt, dass es bislang noch keine voll­ständige Aufstellung von Reisebeschreibungen zur Donau gibt. Als Ein­stieg bieten sich Überblicksdarstellungen von deutschsprachigen Reise­beschreibungen zur Donau an. Zum einen handelt es sich hier um eine Zusammenstellung von Auszügen von Reiseberichten aus sechs Jahrhunderten, ergänzt durch Reisebilder, welche Städte und Dörfer ent­lang der Donau beschreiben. Hier wechseln sich Reiseberichte im engeren Sinne mit Auszügen aus Briefen und Romanen von Literaten ab (vgl. Myss/Schlandt 1975, Hasinger 1957). Die Donau ausschließlich aus der Sicht der Literaten betrachtet Schaber 1995. Räumlich decken nur Myss und Schlandt den gesamten Donauverlauf ab, während Ha­singer den Flussabschnitt Ulm – Wien und Schaber den Fluss­abschnitt Passau – Wien behandeln. Eine eigene Recherche hat jedoch eine wesentlich größere Anzahl an Reisebeschreibungen erbracht, ohne den einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Beschreibungen von der Donau und von Donaureisen finden sich schon in der frühesten Zeit. In enger Verbindung von Geographie und Literatur stammen die ersten überlieferten Texte von der Entdeckung des Flusses durch die Griechen (Hesiod, Herodot, Sallust, Horaz und Ovid). Plinius der Ältere lieferte das erste vollständige hydrographische Bild vom Strom (vgl. Toncic-Sorinj 1959, 385). Es folgten das Argonautenepos von Apollonius von Rhodos (3. Jh. v. Chr.) und das von einem Unbekannten niedergeschriebene "Nibelungenlied" (um 1200), welches als der "erste dichterische Donaubaedeker" (Trost 1968, 23) angesehen wird.

Eine Vielzahl von historischen Quellen schildert Fahrten auf der Donau, wie die sog. Vita severini, welche die Reise des heiligen Rupert zu Schiff die Donau hinunter zu den Avaren darstellt (um 700). Weiter seien der Heerzug Karls des Großen auf der Donau nach Südosten oder die Fahrten der ersten drei Kreuzritterheere im 11. und 12. Jh. genannt. Aus dem 16. Jh. ist das Tagebuch des früheren Leiters des Fugger-Unternehmens, Johannes Dernschwarm, überliefert, der in den Jahren 1553/55 von Wien nach Konstantinopel und zurück reiste. Dabei wurden allerdings jeweils nur kurze Strecken auf der Donau zurückgelegt (vgl. kurz Schnur 1983 und ausführlich Babinger 1923).

Die eigentliche Reiseliteratur zur Donau und zu Fahrten auf der Donau beginnt jedoch erst im 17. Jh. (vgl. Evliya 1660, Gerlach 1674, Molitor 1687), während die 'Massenproduktion' im 18. und 19. Jh. mit dem Ansteigen der Reisetätigkeit einsetzte. Vor allem das 19., aber auch das 20. Jh. bietet, in Form von Romanen, Novellen, Briefen und Tage­büchern, eine Vielzahl von Impressionen. Hier seien lediglich die Be­schreibungen von einer Strudenfahrt bei Josef von Eichendorf in "Ahnung und Gegenwart" (1815) bzw. in Adalbert Stifters "Witiko" (1865/67) erwähnt (zu weiteren Angaben vgl. Eskelund 1979, Muhr 1973, Schaber 1995).

Die Spannbreite der (Reise-)Literatur ist hinsichtlich des Differen­zierungsgrades, des Niveaus, des Informationsgehaltes und der bildhaften Formulierung sehr unterschiedlich. Reiseliteratur umfasst eine trockene, fast lexikalische, aber an konkrete Orte gebundene Darstellungsweise wie auch eine belletristische bzw. lyrische, die sich kaum mehr konkret verorten lässt. Sie umfasst Reiseführer und Reisehandbücher, die sich auf Informationen zu den einzelnen Reisestationen sowie zur Reise­or­ganisation beschränken und Beschreibungen von Flussreisen, in denen die Donau hinter dem Wasser als Symbolträger verschwindet (vgl. Buchheim 1987). Dazwischen stehen die – wie ich sie nenne – geo­graphischen Reisebeschreibungen, die neben Informationen zur Reise­form und zu den einzelnen Lokalitäten auch teilweise sehr persönliche Schilderungen enthalten. Im folgenden werden einige konträre literarische Texte vorgestellt.

Unter den geographischen Reisebeschreibungen des 19. Jh.s sind beispielsweise explizit für die Verwendung von "Leih- und Schüler­bibliotheken" die Reiseerinnerungen des ehemaligen Lehrers des ru­mänischen Innenministers Michaël Cogalniceano, Dr. Wilhelm Bren­necke – "Die Länder an der unteren Donau und Konstantinopel. Reise­erinnerungen aus dem Herbst 1868" – vorgesehen. Brennecke befuhr 1868 die Donau von Wien bis zur Mündung zum Schwarzen Meer und weiter bis Konstantinopel, wobei jedoch nur die Strecke von Budapest an beschrieben wird (vgl. Brennecke 1870). Diese Erinnerungen sind länder­kundlich formuliert und z.T. mit Vorurteilen gegenüber den im Donau­raum lebenden Völkern belastet. Solche Passagen wären geeignet, um im Unterricht näher auf die Wahrnehmung von anderen Völkern und Ländern einzugehen. Ferner gibt es im Text genügend Bezugspunkte, an denen die politische Situation des Donauraums zu dieser Zeit rekonstruiert werden könnte. Dies betrifft vor allem die Natio­nalitätenpolitik, den aufkeimenden Nationalismus in den südost­euro­päischen Ländern sowie die Stellung des Deutschtums in Ungarn. Die Festungsanlagen an der Donau und die Grenzbefestigungen zeigen darüber hinaus eindringlich die Bedeutung der Donau als Grenze in Vergangenheit und Gegenwart (1868!).

Im Gegensatz dazu steht die impressionistische Beschreibung der Donau von Lothar-Günther Buchheims Erstlingswerk "Tage und Nächte steigen aus dem Strom. Eine Donaufahrt". Es ist die Beschreibung einer Fahrt mit dem Paddelboot flussabwärts aus dem Jahre 1941. Die Reise beginnt irgendwo westlich von der Burg Neuhausen und endet im Schwarzen Meer.

 

Buchheim beschreibt nicht in erster Linie Orte, sondern die Beziehung des Paddlers zum Fluss, zum Wasser, zum Himmel, zur Ein­samkeit und den Verlust des Zeitgefühls. Die Donau wird als Land­schaftsraum durch den Symbolträger "Wasser" ersetzt. Der Leser gewinnt so einen sinnlichen Eindruck von dem Strom, werden doch vor allem Farben, Geräusche und Gerüche beschrieben. Streckenweise wird das Wasser wie das Land personifiziert u.a. durch eine erotische Wortwahl (vgl. 22, 80, 130). Orte und Menschen, die Buchheims Weg kreuzen, sind nebensächlich, die Orte noch mehr als die Menschen. Dennoch lassen sich auch aus diesem Text länderkundliche Informationen ziehen (z.B. 252-265; vgl. Krüger 1990; Siedler 1993).

Eine besondere Form der (Reise-)Literatur bilden die sog. "Fluss­biographien", die sowohl persönliche Eindrücke des Autors als auch ein vielfältiges Hintergrundwissen zu den einzelnen Orten entlang der Donau liefern, geschmückt durch eine Vielzahl von Anekdoten und Geschichten.

Bibliographie

A. B. 1956: Von der Donau und ihrer Schiffahrt. Reise-Notizen vom Nibelungenstrom. In: Strom und See. Zeitschrift für Schiffahrt und Weltverkehr. H. 11, Basel, S. 433-438

Babinger, Franz (Hrsg.) 1923: Hans Dernschwarms Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel und Kleinasien. Nach der Urschrift im Fugger-Archiv herausgegeben und erläutert von Franz Babinger. München

Barth, Ludwig/Dieter Richter (Hrsg.) 1993: GEOS 2. Lehrbuch Geographie. Band 2: Europa, o.O.

Bauch, Gerhard u.a. (Hrsg.) 1994: Heimat und Welt. Bd. 2: Europa. Braunschweig.

Beck, Hanno 1957, Geographie und Reisen im 19. Jahrhundert. In: Petermanns geographische Mitteilungen, S. 1-14

Biggi, G. 1981: "Entlang der Donau". In: Literatur und Kritik. Bd. 155, S. 262-263

Brennecke, Wilhelm 1870: Die Länder an der unteren Donau und Konstantinopel. Reiseerinnerungen aus dem Herbst 1868. Hannover, Hamburg

Brucker, Ambros/Ulrich Pietrusky 1986: Erforschung der Erde – Forschungsberichte im Unterricht. In: Praxis Geographie. H. 2, S. 6-8

Buchheim, Lothar-Günther 1987: Tage und Nächte steigen aus dem Strom. Eine Donaufahrt. München.

Darmstädter, Josef Kurt 1988: Die Donau und ihre weiße Flotte. Geschichte der Donaupassagierschiffahrt. Register, Bilder, Pläne aller Passagierschiffe auf der Donau. Wien.

Donner, Josef Alexander 1890: Eine Donaufahrt anno 1890, aus dem Englischen übersetzt von L. Hofmann. Salzburg 1969.

Ebner, Paul u.a. 1994: Die Donau im dokumentarischen Film. In: Blickpunkte. Kulturzeitschrift Oberösterreich. Nr.1, S. 40-41

Eskelund, Lotte 1979: "Sah ich zum erstenmal die Donau": Hans Christian Andersen in Österreich. Wien

Engelhardt, Wolf 1990: Die Länder und die Sinne. Reiseerfahrungen – geographiedidaktisch reflektiert. In: Praxis Geographie. H. 4, S.26-29

Erste Donaudampfschiffahrtsgesellschaft (Hrsg.) 1955: 125 Jahre Erste Donaudampfschiffahrtsgesellschaft. Wien.

Evliya, Celibi 1660: Im Reich des Goldenen Apfels (Reise von Istanbul nach Wien). Übersetzt und eingeleitet von R.F. Kreutel. In: Osmanische Geschichtsschreiber. Bd. 2.

Fick, Karl E. 1965: Geographische Reisebeschreibungen im Erdkunde- und Gemeinschaftskundeunterricht. Ein Marienauer Unterrichtsmodell. In: Marienauer Chronik. H. 18, Dahlenburg, S. 53-79

Fick, Karl E. 1968: Geographische Reisebeschreibungen im Unterricht der Erdkunde und Gemeinschaftskunde. In: Der Erdkundeunterricht, H. 7, S.

Fischer, Hubertus 1986: "Nur wer den Garten bebaut, weiß was Wildnis ist". Naturwahrnehmung in Mittelalter und Neuzeit. In: Bauwelt. H. 12, S. 392-400

Freyer, Walter 41993: Schiffsverkehr. In: Walter Freyer (Hrsg.): Tourismus. Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie. München, S. 164f.

Friedrich, Christian/Norbert Weixlbaumer 1995: Wahrnehmungsgeographie konkret. In: Praxis Geographie, H. 7/8, S.65-67

Ganser, Armin 1993: Kreuzfahrten. In: Heinz Hahn/ Hans Jürgen Kagelmann (Hrsg.): Tourismuspsychologie und Tourismussoziologie. Ein Handbuch zur Tourismuswissenschaft. München